Mit „Schweigen ist Goldfisch“ kam am 25. Mai 2016 ein Buch in den Handel, das sich mit Selbstfindung und Depressionen beschäftigt. Annabel Pitcher beschreibt das Leben aus Sicht der 15 jährigen Tess Turner und gibt dem Leser tiefe Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelt. Der Roman erschien im „FISCHER Sauerländer“ Verlag und ich darf jetzt schon mal verraten, dass er zu meinen persönlichen Lieblingen 2016 gehört.

Mein bester Freund der Goldfisch

Verloren in der Nacht, schleicht Tess durch die verregneten Straßen von Manchester und weiß nicht wohin sie soll. Ihre Gedanken schwirren um die Worte, die sie am Abend zuvor auf dem Laptop ihres Vaters Jack gelesen hat. Worte, die sich in ihr Herz geschnitten haben wie ein heißes Messer in weiche Butter. Jack schreibt von dem Moment, in der er seine Tochter – oder eher die Tochter eines Samenspenders und seiner Frau – das erste Mal sah, welche Abscheu er empfunden hat und welchen Ekel. Für Tess bricht mit den Worten ihre Welt zusammen. Nichts ist mehr so wie es sein sollte: Zuhause ist nicht zuhause, Dad ist nicht mehr Dad und sie ist nicht mehr Tess Turner – aber wer ist sie dann?
Plötzlich fühlt sie sich nicht mehr in der Lage zu sprechen, mit Niemanden. Sie gerät in einen Strudel aus Identitätskrise und Verzweiflung, in dem Tess nur noch ihr imaginärer Freund Mr. Goldfisch bleibt. Dennoch ist sie fest entschlossen standhaft zu bleiben und sich bei ihrer Suche nach ihrem leiblichen Vater nicht aufhalten zu lassen. Denn nur er – so glaubt sie – kann Tess ihre Identität zurückgeben…

All about Tess

Der gesamte Roman ist aus der Sicht von Tess geschrieben und Tess ist wohl der authentischste und nahbarste Charakter, der mir je in einem Buch begegnet ist. Jede ihrer Taten und jeder Gedanke geht einem unter die Haut. Ihre Sehnsucht nach der Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ ist auf jeder Seite zu spüren. Tess wird im Laufe des Buches zu deinem Spiegelbild, in dem du deine Entscheidungen und Gedanken reflektierst bis du verstehst, dass jeder Mensch diesen inneren Kampf mit sich führt.
Doch obwohl Tess so viel Platz einnimmt, kommen auch die anderen Charaktere nicht zu kurz. Jack, der perfektionistische Vater – der versucht Tess zu einem einzigartigen Menschen zu erziehen, der aber dennoch genau wie alle anderen sein soll. Tess liebevolle Mutter Helen, die trotz der Überforderung sich um ein stummes Kind zu kümmern die Nerven bewahrt und versucht ihre Tochter wo es nur geht zu verteidigen. Isabell – die beste Freundin von Tess – die sich aufgrund des Verrats, dass Tess sie noch nie bei ihren Eltern erwähnt hat, von ihrer Freundin abwendet. Und natürlich Mr. Richardson, stellvertretender Mathelehrer von Tess, der ihre Hoffnung, dass er ihr leiblicher Vater sein könnte, als romantische Gefühle fehlinterpretiert und für sich ausnutzt. Sowie dessen Sohn Henry, der als einziger Tess Schweigen richtig zu deuten vermag.

Mein persönliches Lieblingsbuch 2016

Ein Thema wie dieses kann nur aus der Perspektive der betroffenen Person beschrieben werden. Und genau das hat Annabel Pitcher getan – und zwar überragend gut! Ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat, aber nach dem Buch hast du die Identitätskrise von Tess selbst erlebt. Du liest nicht nur etwas über die Gefühle und Gedanken von Tess, du verstehst und spürst sie. „Schweigen ist Goldfisch“ ist wohl das wunderschönste, traurige Buch, das es je im Handel gab. Absolut empfehlenswert und lesenswert.
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