Hallo! Wir sind Steffi & Kay von “his & her books”. Wir sind verheiratet und züchten zwei zukünftige Bücherwürmer (aktuell 8 und 2 Jahre alt).

Wir haben schon immer viel gelesen und auch gern miteinander und mit anderen darüber diskutiert. Im April letzten Jahres haben wir nach längerem Stalken verschiedener Buchblogs entschieden, auch unsere Meinung im Netz zu verbreiten – die Geburtsstunde von “his & her books”.

Unser Schwerpunkt liegt im Bereich Fantasy/Dystopie, wobei ihr zu manchen Büchern auch zwei Meinungen finden könnt. Darüber hinaus gibt es die ein oder andere Rezension zu Thrillern oder empfehlenswerten Kinderbüchern.
Wir freuen uns auf euren Besuch!

Liebe Grüße
Steffi & Kay

Rezension “In dieser ganz besonderen Nacht”

Zitate:

“Ich konnte mich nicht erinnern, mich schon einmal einem Jungen so nahe gefühlt zu haben. Innerlich nahe, als ob etwas in uns beiden im selben Rhythmus, auf derselben Wellenlänge schwang.”

(S. 138)

“… aber eines weiß ich ganz gewiss: ich hab noch nie für ein Mädchen empfunden, was ich für dich empfinde. Denn das könnte ich nie vergessen. Bis in alle Ewigkeit nicht.”

(S. 283)

Inhalt:

Amber muss nach dem Tod ihrer Mutter zu ihrem Vater nach San Francisco ziehen. 704 Tage bis sie 18 wird. 704 Tage außerhalb ihrer gewohnten Umgebung.

Ihr Vater hat sein bestmöglichstes getan, um ihr den Start so einfach wie möglich zu machen, aber Amber vermisst ihre Mutter, ihr Zuhause, ihre Freunde.

In der neuen Schule knüpft sie schnell oberflächliche Kontakte, wird Zeuge des Anhimmelns von Schulschwarm Shane. Und immer wieder trifft sie diesen Jungen mit den veilchenblauen Augen, der völlig fassungslos auf ihre Ansprache reagiert.

Als sie sich eines Abends in der Stadt verlaufen hat, kann Amber drei finsteren Typen gerade noch so entkommen – und landet bei diesem alten, leerstehenden Haus. Einem Gefühl folgend, als hätte sie etwas Wichtiges vergessen, geht sie wieder zu diesem Haus in der Franklin Street. Wieder und wieder, um ihre Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit zu befriedigen, die dort immer sofort über sie kommen.

Dort trifft sie eines Tages auf Nathaniel, einem scheinbar obdachlosen jungen Mann, seiner Kleidung nach zu urteilen. Seine wahre Identität gibt er aber erst preis, als Amber schon ihr Herz verloren hat.

In dieser ganz besonderen Nacht von Nicole Vosseler

Meinung:

Heute fangen wir einmal hinten an:

Ich bin immer noch geplättet von dem gefühlvollen, tollen, fantastischen Ende! Es war mehr als genau nach meinem Geschmack und ich konnte mich so schön mitreißen lassen von dem Drama, der Spannung, den Emotionen, dass ich einfach nur so durch die Seiten raste, ehe ich mich an einem perfekten Ende erfreuen konnte.

Doch erstmal von vorn. Nach einem beeindruckenden Prolog, in dem die Protagonistin Amber erzählt, wie in ihrem letzten Herzschlag das letzte Jahr an ihr vorüberzog. Das Jahr, in dem so vieles passiert ist: Der Tod ihrer Mutter, der Umzug nach San Francisco, neue Freunde und ihr Seelenverwandter Nathaniel. Immer wieder bringt Amber, die den Großteil der Geschichte in Ich-Perspektive/Vergangenheit erzählt, dieses wichtige Detail wieder zur Sprache, in dem sie wie eine kleine “Vorschau” ihren Tod erwähnt.

Nach diesem tollen Einstieg ging es aber sehr lange Zeit eher ruhig zur Sache… Ich lernte die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten, das amerikanische Schulsystem, andere Gebräuche und Alltagsdinge in den USA ausführlich kennen, während die Autorin Teilchen ihrer eigentlichen Geschichte wie Brotkrumen streut, denen ich gerne gefolgt bin. Dachte ich mir zwischendurch noch, ob das ein oder andere Erwähnte wirklich notwendig oder lediglich ausschmückender Art war, griff Frau Vosseler diese Dinge später wieder auf und rundete die Geschichte wundervoll ab.

Die Charaktere sind tiefgründig und allesamt besonders. Dies führt die Autorin dem Leser aber auch erst nach und nach vor Augen.

Die Protagonistin Amber bietet das größte Spektrum an Gefühlen. Durch ihre Ich-Perspektive wurde von Beginn an eine besondere Beziehung zwischen ihr und mir geschaffen. Ambers Mutter starb an einem Tumor, bis zuletzt blieb Amber an ihrer Seite. Nun steht sie gefühlt ganz allein in San Francisco, ist nicht mehr in Deutschland zuhause aber auch nicht bei ihrem Vater. Sie steht immer zwischen allem, gehört nicht nach hier und nicht nach dort. Das zieht sich durch das ganze Buch, immer auf anderen Ebenen oder auf andere Situationen bezogen.

Um Ambers Albträume unter Kontrolle  zu bringen, wird sie von ihrem Vater zu Dr. Katz geschickt, einer Psychotherapeutin, die aus Ambers Sicht zu viele Fragen stellt und nie Antworten hat. Ihre Entwicklung sieht man an den Gesprächen mit Dr. Katz, der sie dann doch die ein oder andere “verschlüsselte” Information entlocken kann, auch wenn sie ihr wahres Problem nicht offenbaren kann: Die unüberwindbare Distanz zu Nathaniel.

Nathaniel ist ein Geist, wie schon dem Klappentext zu entnehmen ist. Seit etlichen Dekaden sitzt er körperlos in San Francisco fest. Ohne Erinnerung an sein damaliges Leben. Doch er muss etwas Furchtbares verbrochen haben, dass seine Seele nicht weiterreisen durfte. Oder gibt es Ausnahmen? Auch zu ihm stellt die Autorin eine besondere Verbindung her, in dem sie kursiv-gedruckte Kapitel aus seiner Sicht einstreut und so von Schmerz und Leid, Liebe und Hoffnung alles ohne Umschweife wiedergibt.

Von der Beziehung zwischen Nathaniel und Amber war ich begeistert. Die Stärke der Autorin liegt eindeutig bei den Emotionen. Ich fühlte alles, spürte jede Gefühlsregung der Protagonisten, konnte diese unerwünschte Distanz zwischen Amber und Nathaniel fühlen, konnte die alles erdrückende Sehnsucht in mich aufnehmen bis auch ich alles versucht hätte, jede Möglichkeit ergriffen hätte, diese zu stillen. Bis zur allerletzten Seite fand ich mich in diesem emotionalen Rausch, wie es lange kein Buch mehr geschafft hat.

Klappentext und Titel geben meiner Meinung nach schon zu viel des Buches preis. Bis es zu den Plänen für “diese besondere Nacht” kommt, dauert es knapp 300 Seiten. Ich hätte mir diesen Teil wesentlich kürzer gewünscht und das letzte Drittel lieber in die Länge gezogen. Hier überschlagen sich die Ereignisse, es passiert so viel und findet dann schon beinahe zu schnell ein Ende. Durch die Inhaltsangabe hatte ich mir auch einfach ein Vielfaches mehr an Handlung versprochen (wenn schon der Kurztext soooo gut klingt!).

Den Schreibstil der Autorin kann man nur als bildreich beschreiben. Frau Vosseler hat sich als Setting für ihre “Geistergeschichte” San Fransisco ausgesucht und überdetailliert die gesamte Umgebung beschrieben, wie auch sämtliche andere Örtlichkeiten. So detailliert, dass es absolut keinen Raum für die eigene Fantasie und Vorstellungskraft gab, was mir zeitweise ein echtes Problem bereitete, da mein erstes “inneres Bild” durch die ausschweifenden Details ständig “verschoben” und umgeändert werden musste, wobei ein Teil des Lesegenusses auf der Strecke blieb.

Durch diesen “Umstand” spürte ich die sacht ansteigende Spannung beinahe gar nicht. Die Geschichte dröppelte vor sich hin. Die Beziehung mit Nathaniel war sehr schön, aber auch nicht direkt mitreißend. Richtig interessant und nach und nach zum Pageturner wurde es für mich, als die “Beziehungsprobleme” begannen. Ich fieberte und hoffte (für alle Beteiligten), ich wurde schockiert, überrascht und einfach nur umgehauen.

Urteil:

Potentielle Leser dürfen sich von dem sehr weitreichenden Klappentext nicht irritieren lassen. In Erwartung der Geschehnisse des Kurzinhalts zog sich der Einstieg und der Mittelteil sehr in die Länge. “In dieser besonderen Nacht” konnte mich daher nicht vom ersten Moment an überzeugen. Das spannende, emotionale, teils actionreiche letzte Drittel entschädigte mich aber beinahe für alles. Daher erhält “In dieser ganz besonderen Nacht” 4 Bücher von mir.

Ein Must-Read für San Francisco Fans oder Freunde von überdetaillierten Beschreibungen, die so über die ‘gemäßigten’ Teile der Geschichte hinwegsehen können. Und alle die jetzt ein wenig Angst davor bekommen haben: Dieses Ende entschädigt euch! Definitiv!

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