“Als Blind Date bezeichnet man eine Verabredung zwischen zwei Menschen, die sich bisher nicht getroffen haben und nichts oder nur sehr wenig übereinander wissen. Im engeren Sinne bezeichnet ein Blind Date ein “Stelldichein”, bei dem keiner ein Foto des anderen vorab gesehen hat.” – Mother of Definitions aka Wikipedia.

Es geschah letzte Woche im Heymann bei mir um die Ecke. Nach einer Umbauphase war dort alles frisch, alles anders – ich musste mich erst einmal komplett neu orientieren. Beim Herumschlendern, im-Kreis-Drehen und Buchrücken-Anfassen ist mir fieserweise ein Betonpfeiler in den Weg gesprungen – wo kommen die Dinger eigentlich immer her?! Naja, nachdem ich peinlich berührt versucht hatte, meine Tollpatschigkeit wegzulachen, schaute ich mir das Ding mal genauer an. Der Pfeiler war von oben bis unten voll mit diesen Metallhängern, in die man zu Dekozwecken ein Buch hineinstecken kann. Die Coverviefalt hätte bei der Masse bestimmt einen tollen Säulenschmuck abgegeben. Nur: da waren keine Buchcover zu sehen. Die Bücher waren sorgfältig und durchaus nicht lieblos in neutralem braunen Packpapier verpackt – eine titel- und schnörkellose Anonymität. Beim näheren Hinschauen waren auf der Verpackung auf jedem Buch Schlagwörter auszumachen. Der Inhalt, das Genre, oder die Stimmung wurden hier in vier, fünft kurzen Stichpunkten zusammengefasst und auf das Packpapier geschrieben. Auf der besagten gemeingefährlichen Säule stand übrigens in großen Buchstaben “Blind Date mit einem Buch”. Das wollte ich natürlich testen! Nachdem ich jedes Buch in Augenschein genommen hatte, fiel meine Wahl auf ein Taschenbuch mit den Schlagwörtern “Krebserkrankung” und “mitreißende Liebesgeschichte” – ein wenig war da Hoffnung, dass sich mein Blind Date als John Greens “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” entpuppen würde. Dem war nun nicht so, aber das konnte ich verschmerzen, stattdessen hat nämlich eine andere tolle Geschichte auf mich gewartet.

Mein Date

wahrIn dem Roman “Wahr” von Riikka Pulkkinen lässt die an Krebs erkrankte Elsa Ahlqvist ihr Leben Revue passieren. Auch ein lang gehütetes Geheimnis kommt dabei ans Licht – der Auslöser dafür ist ein Kleid, das ihre Enkelin Anna aus dem Schrank hervorholt. Anna, selbst bereits eine junge Frau mit eigenen Problemen, hört von ihrer Großmutter daraufhin eine tragische Geschichte über Verrat, Verlust, Reue  und eine andere Frau: Eeva. 40 Jahre hatte Elsa geschwiegen – die tödliche Diagnose lässt nun alle Dämme brechen. Im Laufe der Geschichte sieht Anna immer mehr Parallelen zwischen sich und der Geschichte ihrer Großmutter, die Geschehnisse wiederholen sich, verflechten sich miteinander. Anna wird klar, dass sie eine Entscheidung treffen muss, um sich den tief in Elsas – und Eevas – Seele vergrabenen Kummer zu ersparen. 

Die junge finnische Autorin Riikka Pulkkinen hat uns in ihrem zweiten Roman in die Geschichte einer Familie eingesponnen – kunstvoll, leise und wunderschön. Der Schreibstil ist flüssig und so detailverliebt, dass man meint, man sei in Finnland, in der Gegenwart an einem Tisch mit Elsa und ihrem Mann Martti, in Annas Kindheit beim Verkleiden-spielen oder im Jahr 1964…

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Alle Charaktere sind liebevoll beschrieben und haben ihren Platz in einer Geschichte, die uns etwas über Liebe, Fehler Familie – kurz: Leben lehrt. So wird aus einem Blind Date eine Liebesgeschichte. Und ein fester Platz im Bücherregal.

Hattet Ihr schon einmal ein Blind Date – vielleicht sogar mit einem Buch?

Liebe Grüße,

Eure Viki von Mein Lesetipp