Eine Schulklasse, die typische Rollenverteilung – vom Klassenschwarm bis zum Außenseiter – und ein Selbstmord. Olivia Mae wagt sich in ihrem Debütroman „Shadows“ an ein äußerst brisantes Thema. Die Geschichte rund um das Tagebuch des Außenseiters Jakob, der sich umgebracht hat, ist nichts für schwache Nerven und regt auf jeden Fall zum Nachdenken an.

Inhalt

Eine ganz normale Klasse in einer ganz normalen Schule – erst der Selbstmord eines Mitschülers bringt den Alltag der Jugendlichen ins Wanken und offenbart Risse in der mit Mühe aufrechterhaltenen Fassade. Jakob hinterlässt nach seinem Suizid ein Tagebuch und beauftragt Natasha – seine Sitznachbarin und ebenfalls Außenseiterin – damit, es der Klasse vorzulesen. Niemand ist vor Jakobs erbarmungsloser Abrechnung sicher und es kommen Dinge ans Licht, die seine Mitschüler lieber geheim gehalten hätten. Langsam aber sicher erkennen die Jugendlichen, dass Jakob viel mehr über sie alle wusste, als sie dachten, und sie beginnen sich vor weiteren Enthüllungen zu fürchten. Und auch den Leser beschleicht im Laufe der Geschichte eine Ahnung, dass vielleicht noch viel mehr hinter dem Ganzen steckt als zunächst angenommen…

Entwicklung der Charaktere

In „Shadows“ sind viele typische Rollenbilder, die es in einer Schulklasse geben kann, vertreten: Vom reichen und gutaussehenden Mädchenschwarm, über die zurückhaltende, aber dennoch selbstbewusste Einzelgängerin, bis zum isolierten Außenseiter, den einige Mitschüler noch nicht mal mit Namen kennen. Manchmal wirkten diese krassen Klischees für mich etwas überzeichnet – allerdings lässt gerade diese Überspitzung die Absurdität und die Gefahren, die eine solch festgefahrene Rollenverteilung mit sich bringt, besonders deutlich hervortreten. Im Laufe der Handlung machen beinahe alle Charaktere eine größere Entwicklung durch. Aufgerüttelt von den Tagebucheinträgen Jakobs hinterfragen sie ihr bisheriges Handeln und ihre Einstellung anderen gegenüber. Besonders positiv ist mir hierbei aufgefallen, dass diese Weiterentwicklung der verschiedenen Charaktere nur soweit stattfindet, wie sie auch realistisch erscheint. Keiner lässt sein altes Ich komplett hinter sich und wird zum absoluten Vorzeigejugendlichen, der von nun an fehlerlos ist. Trotzdem hat die Entwicklung der Schüler mich als Leserin dazu gebracht, darüber nachzudenken, ob man nicht manchmal zu vorschnell und endgültig über andere urteilt und was sich vielleicht noch alles – Positives wie Negatives – hinter der Fassade der Mitmenschen verbirgt.

Packende Story – kleine sprachliche Schwächen

Zu Beginn des Romans musste ich mich erst in den Schreibstil der Autorin „einlesen“, was allerdings nicht lang gedauert hat. Ein wenig störend für den Lesefluss ist der häufige Gebrauch von Partizipien, der, wenn man ihn erstmal bemerkt hat, doch leider sehr auffällig ist. An einigen Stellen springt die Autorin außerdem so schnell zwischen den verschiedenen Charakteren hin und her, dass es für den Leser schwierig ist, bei dieser rasanten Entwicklung den Überblick zu behalten. Es erfordert manchmal einiges an Konzentration, um der Handlung zu folgen – das Buch ist nicht zum „mal eben nebenbei“ Lesen gemacht, was allerdings dem Thema des Romans auch in keiner Weise gerecht werden würde. Insofern ist es sogar gut, dass die Autorin den Leser fordert und so für die – für diese Thematik – angemessene Aufmerksamkeit sorgt. Die mitreißende Handlung, die wirklich fesselnd ist, gleicht auch die kleineren sprachlichen Schwächen des Romans auf jeden Fall aus.

Meine Meinung

„Shadows“ ist ein Buch, das man unbedingt in einem Rutsch durchlesen sollte – eigentlich kann man aber auch gar nicht anders, da die Spannung durchgängig hochgehalten und es gerade zum Ende hin nochmal richtig nervenaufreibend wird. Auch nach der finalen Auflösung bleibt ein nachhaltiger Eindruck zurück. Die Frage, die sich einem auch nach dem Lesen immer wieder stellt, ist: Wie viel wissen wir wirklich über unsere Mitmenschen? Olivia Mae hat es geschafft, einen gesellschaftskritischen Jugendroman zu schreiben, der dennoch in keiner Weise belehrend daherkommt. Besonders für die Altersgruppe, für die das Buch gedacht ist – ab 16 Jahren – ist es zu empfehlen. Die Autorin bleibt – möglicherweise auch durch ihre Arbeit als Lehrerin – sprachlich und inhaltlich ganz dicht an ihrer Zielgruppe und kann so die Jugendlichen für dieses Thema sensibilisieren, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben. Aber auch ältere Leser werden von diesem Buch nicht enttäuscht sein.

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