Der Ruf des Henkers

Am 15. Februar 2016 erschien mit „Der Ruf des Henkers“ ein Jugendroman, der historische Fakten mit Fantasy-Elementen verbindet. Björn Springorum ist der Autor des Titels aus dem Thienemann-Esslinger Verlag – und er hat sich für das Buch auf eine intensive Spurensuche begeben. Das Buch begleitet nämlich auf seinen knapp 350 Seiten einen berüchtigten, englischen Henker, Mitte des 19. Jahrhunderts.

Lehrling des Todes

William Calcraft ist der berühmteste – vor allem aber berüchtigtste – Henker Englands und gilt Mitte des 19. Jahrhunderts als brutalster Scherge des Todes. Bei einem Auftrag in Sheerness gerät er an den jungen Richard Winters – Sohn eines Priesters – der felsenfest von der Unschuld seiner Freundin Elizabeth überzeugt ist und versucht, sie vor dem Galgen zu retten. Calcraft ist von dem Jungen sofort angetan und schlägt ihm einen Deal vor: Wenn Richard fortan sein Lehrling wird, lässt er bei Elizabeth Gnade walten. Der Junge willigt ein und landet dadurch in einem Geflecht aus düsteren Geheimnissen und Verschwörungen. Nicht zuletzt aufgrund des paranoiden Handelns von Calcraft wird er seinem Meister gegenüber immer misstrauischer – bis er in London plötzlich vor Elizabeth steht. Alte Gefühle kommen in Richard hoch. Dennoch fällt es ihm schwer sich auf sie einzulassen, hat sie sich schließlich nie bedankt und auch nie auf seine Briefe geantwortet. Doch sie schafft es erneut sein Herz für sich zu gewinnen. Mit einem hinterhältigen Trick bringt sie ihn dazu, sich vollends von seinem verschwiegenen Meister abzuwenden. Ein törichter Fehler, wie Richard brutal zu spüren bekommt…

Meister und Schüler

Die Geschichte wird abwechselnd aus Richards und Williams Sicht erzählt und lässt dadurch gute Einblicke in ihre Beziehung zueinander zu. Leider werden dadurch aber auch einzelne Passagen sehr langatmig, ohne wirklich Informationen zu liefern oder die Story voranzubringen. Ein paar mehr Zeitsprünge hätten die Spannung besser halten können und mehr Platz für die Gefühlswelt der Beiden geschaffen.
Richard Winters kommt beispielsweise mit seinen 14 Jahren erstaunlich gut mit dem Tod und dem Beruf des Henkers zurecht – fast als wäre es so normal wie Schuhe putzen. Auch die Geheimnisse und Erkenntnisse, die hinter der mysteriösen Mission seines Meisters stecken, lassen ihn ziemlich kalt. An anderer Stelle ist er stattdessen unglaublich begriffsstutzig und stolpert von einer brenzligen Situation in die nächste – mal abgesehen von dem gekonnten Ausblenden der Flirtversuche gleichaltriger Mädchen.
William hingegen hüllt sich auch gegenüber dem Leser in Schweigen. Zwar lobt er insgeheim seinen Lehrling, aber wirklich Gefühle oder Gedanken gibt er nicht preis. Er zeigt nicht einmal dann Emotionen, wenn es gefährlich wird.
Von den anderen Charakteren im Buch erfährt man fast nichts. Einzig Rose, die Nichte des Gasthausbesitzers, bei dem Calcraft und Richard unter kommen, darf sich in Tagebucheinträgen mitteilen. Sie kam mir auch am authentischsten vor, obwohl sie den kleinstmöglichen Part im Buch bekommen hat.

Nichts für Ungeduldige

„Der Ruf des Henkers“ ist für einen Jugendroman doch sehr langatmig geschrieben. Man bekommt zwar einige Einblicke in die damalige Zeit, in die Mythen und Legenden Englands und in das Leben eines Henkers, dafür muss man allerdings ordentlich viel Geduld mitbringen. Vielleicht hat mich auch nur die ganze Geheimniskrämerei von Calcraft aufgeregt und ich habe mich selbst wie Richard gefühlt – als Lehrling eines öden und undankbaren Berufs, quer durch England mitgeschliffen. Die Geschichte ist ziemlich gut, die Erzählweise jedoch sehr stockend. Nichtsdestotrotz sorgt der Roman für einige Lacher und hat auch spannende Passagen zu bieten, die die Geduld auf jeden Fall entlohnt.
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